Archiv der Kategorie 'rezension'

Pink Freud – zur Sendung vom 28.10.2010 mit dem Feature „polnischer Jazz“

„Monster of Jazz“ heißt das letzte Album (2010) der polnischen Jazzfreunde aus Danzig. Nimmt man diesen Titel als Beschreibung für die Musik von Pink Freud, ist dem fast nichts hinzuzufügen. Aber eben nur fast – zumal mir nur noch die LP „Sorry Music Polska“ bekannt ist. Aber es klingt als wenn Jagga Jazzist mit Nils Petter Molvær zusammentreffen würden minus überstrapazierten Ambientflächen, versteht sich. Denn was Pink Freud so anbieten, ist doch schon recht tanzbar und wenn nicht, taugt es allemal als prima Kopfkino. Die Eigenbezeichnung „Trance-Jazz-Dance-Band“ stimmt also – es ist sehr sympathisch, wenn Musiker ihre Musik richtig beschreiben können und nicht irgend etwas fasseln von „Musik, die in keine Schublade passen würde“ etc. pp. Deshalb lassen wir doch noch einmal Wojtek Mazolewski von Pink Freud zu Wort kommen:“Als ich jung war, habe ich viel mit Drogen experimentiert und nach einem Jahr des Experimentierens kam ich zu dem Schluss, dass mir die Musik keine Befriedigung mehr gab, dass ich mich nicht mehr weiterentwickelt habe, obwohl ich Stunden an den Instrumenten verbracht habe. Das hat mir nichts gegeben. Da hab ich beschlossen, die Drogen sein zu lassen. Heute kann man den Vergleich machen und sagen, dass die Musik eine Art Droge für mich ist. Das Wort Leidenschaft passt allerdings noch besser.“ (Quelle) Das ist doch ein schönes Motivationsschreiben, oder? Aber auch eine Ansage, wie man sie schon oft gehört hat. Nur hier: es stimmt. Denn Pink Freud strotzt vor Experimentierfreude bei zeitgleicher Produktion von eingängigen Sounds. Pink Freud haben also nicht nur einen verrückten Namen, sondern machen auch absonderlich schöne Musik. Besonders erfrischend ist auch, wenn sie „Come as you are“ von Nirvana covern. Deshalb sind beide mir bekannte Alben uneingeschränkt zu empfehlen.

mit Schlagzeug-Solo als Intro

Stress und Hektik pur

Discography
2001 Zawijasy
2002 Live in Jazzgot (Live Album)
2003 Sorry Music Polska
2005 Jazz Fajny Jest (Remix / Live Album)
2007 Punk Freud
2008 Alchemia (Live Album)
2010 Monster of Jazz

Band-Mitglieder: Wojtel Mazelewski (Bass, Elektronik), Tomek Zietek und Adam Milwiw Baron (Trompete), Kuba Staruszkiewicz (Schlagzeug)

Gonjasufi-Album in da mix – The Caliph’s Tea Party

Zum Mix für die Originale von dem Album „A Sufi and a Killer“ hat Gonjasufi sehr verschiedene Musiker rangelassen. Verschiedene Sücke von „The Caliph’s Tea Party“ kann man sich bequem im Netz anhören. Selbstverständlich kamen Warp-Artists zum Zuge. So hat sich der dem experimentellen elektronischen Genre anhängenden Bibio dem Stück „Candylane“ angenommen – sehr nett. Das Intro kommt vom Australier Mark Pritchard. Er hat den Track „Ancestors“ in seiner Musikwerkstatt bearbeitet und herausgekommen ist ein ganz feine Nummer, die dem Original richtig Konkurenz macht. Die aus Brooklyn stammenden Indietronicer von Bear in Heaven widmen sich dem im Original zaghaft rockenden Stück Love of Reign und zaubern eine richtige Elektrorocknummer drauß. Die anderen, nicht im Netz auffindbaren Stücke auf der LP sind mitunter viel experimenteller. Tendenz: Wer das Originalalbum mag, findet die Remixe klasse!

Eine Hörpröbe geht noch. Orientalisch beginnt der gleichnamige Titel des Album – im Remix versteht sich. Ein lachender Sample, begleitet vom Alt-Saxophon, leitet in einen Part über, der vom Cembalo an die Leine genommen wird. Aber der Hund entreißt und fliegt davon – als Vogel. Zugegeben jetzt wird es kompliziert: Weder Hund noch Vogel, sondern Gonjasufi, mit zwischerndem Abgang. Zum Wahnsinn geht es hier.

DJ Shadow muss nicht…

vorgestellt werden – zumindestens nicht an dieser Stelle (ansonsten hilft Wiki). Wie viele andere Musiker nutzt auch Shadow die Marketingstategie, Teile seines neuen Albums Scheibchenweise für einen begrenzten Zeitraum kostenlos zum Download anzubieten. Mitte September waren die ersten beiden Tracks (Def Surrounds Us und I‘ve Been Trying) dran. Das klingt hörerfreundlich. Hat aber viel mit Zufall zu tun, genau in den zwei Tagen, in denen der Download angeboten wird, im Internet darauf zu stoßen. Shadow weiß das und setzt scheinbar ganz bewußt auf eine materielle Allegorie: Denn in den Städten, wo er zum Tanz bittet, versteckt er angeblich in den örtlichen Plattenläden limitierte Vinyls (wird hier behauptet) und nennt das ganze „Shop-placing“. Nicht ganz klar ist, ob die Ladenbesitzer eingeweiht sind oder nicht, wenn Shadow seine Gaben verteilt. Ist auch egal, weil hier her in die Provinz kommt Shadow so gut wie nie und insofern braucht mal sich auch nicht zu ärgern (So ein Elfenbeinturm-Marketing!).

Ich hatte zu mindestens das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort im Netz zu sein, als die beiden oben erwähnten Tracks zu haben waren. Def Surrounds Us klingt nach dem alten und mir in besserer Erinnerung gebliebenen Shadow – also lange vor dem recht farblosen Outsider-Album. Nach mündlicher Ansage des Titels, die versampelt in den einsetzenden und ruhigen Dubstep-Rhythmus übergeht, der zunächst dezent von Synthie-Flächen begleitet wird, kommt Shadows Affinität zur 80er Plitsch-Plasch-Beat-Box zum tragen, die auch die ein oder andere Hommage an 808-Acid-Elementen enthält. Nach diesem dreiminütigen Intro setzt ein Drum‘n'Bass-Rhythmus ein, bei dem die Gradlinigkeit preußischen Marschmusik Pate gestanden hat. Die immer noch vorhandenen Stimmsamples werden mal sparsam, mal reichlich eingesetzt. Dann setzt ein klerikal klingenden Chor ein, der das Ende des gut siebeneinhalbminütigen Tracks ankündigt. In den verbleibenden zwei Minuten werden die Elemente des Beats immer weiter reduziert. Die Melodie wird längst von einem Klavier gespielt, das langsam ausklingt. Das Outro wird allerdings von einer Snarebeat dezent dominiert, der ebenfalls an militärische Musiktradition erinnert. Ein Schuss setzt den Schlusspunkt.
Stück Nummero Zwo (I‘ve Been Trying) hat vom anderen Stück nur noch die Militär-Snare. Ansonsten ist es ein ruhiges, von einer Akustikgitarre getragener Track, der die Lagerfeuer-Romantik im Schlepptau hat und der durch den Flötenanteil eine hippieeske Note bekommt.
Shadow spielt auf dieser Veröffentlichung also wieder mit den Gegensätzen und übergibt dem geneigten Hörer ein Shadoxymoron. Die Perle kommt also mit in die virtuelle Plattentasche für die nächste Sendung am 23.9.