Archiv der Kategorie 'Release'

Gonjasufi-Album in da mix – The Caliph’s Tea Party

Zum Mix für die Originale von dem Album „A Sufi and a Killer“ hat Gonjasufi sehr verschiedene Musiker rangelassen. Verschiedene Sücke von „The Caliph’s Tea Party“ kann man sich bequem im Netz anhören. Selbstverständlich kamen Warp-Artists zum Zuge. So hat sich der dem experimentellen elektronischen Genre anhängenden Bibio dem Stück „Candylane“ angenommen – sehr nett. Das Intro kommt vom Australier Mark Pritchard. Er hat den Track „Ancestors“ in seiner Musikwerkstatt bearbeitet und herausgekommen ist ein ganz feine Nummer, die dem Original richtig Konkurenz macht. Die aus Brooklyn stammenden Indietronicer von Bear in Heaven widmen sich dem im Original zaghaft rockenden Stück Love of Reign und zaubern eine richtige Elektrorocknummer drauß. Die anderen, nicht im Netz auffindbaren Stücke auf der LP sind mitunter viel experimenteller. Tendenz: Wer das Originalalbum mag, findet die Remixe klasse!

Eine Hörpröbe geht noch. Orientalisch beginnt der gleichnamige Titel des Album – im Remix versteht sich. Ein lachender Sample, begleitet vom Alt-Saxophon, leitet in einen Part über, der vom Cembalo an die Leine genommen wird. Aber der Hund entreißt und fliegt davon – als Vogel. Zugegeben jetzt wird es kompliziert: Weder Hund noch Vogel, sondern Gonjasufi, mit zwischerndem Abgang. Zum Wahnsinn geht es hier.

DJ Shadow muss nicht…

vorgestellt werden – zumindestens nicht an dieser Stelle (ansonsten hilft Wiki). Wie viele andere Musiker nutzt auch Shadow die Marketingstategie, Teile seines neuen Albums Scheibchenweise für einen begrenzten Zeitraum kostenlos zum Download anzubieten. Mitte September waren die ersten beiden Tracks (Def Surrounds Us und I‘ve Been Trying) dran. Das klingt hörerfreundlich. Hat aber viel mit Zufall zu tun, genau in den zwei Tagen, in denen der Download angeboten wird, im Internet darauf zu stoßen. Shadow weiß das und setzt scheinbar ganz bewußt auf eine materielle Allegorie: Denn in den Städten, wo er zum Tanz bittet, versteckt er angeblich in den örtlichen Plattenläden limitierte Vinyls (wird hier behauptet) und nennt das ganze „Shop-placing“. Nicht ganz klar ist, ob die Ladenbesitzer eingeweiht sind oder nicht, wenn Shadow seine Gaben verteilt. Ist auch egal, weil hier her in die Provinz kommt Shadow so gut wie nie und insofern braucht mal sich auch nicht zu ärgern (So ein Elfenbeinturm-Marketing!).

Ich hatte zu mindestens das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort im Netz zu sein, als die beiden oben erwähnten Tracks zu haben waren. Def Surrounds Us klingt nach dem alten und mir in besserer Erinnerung gebliebenen Shadow – also lange vor dem recht farblosen Outsider-Album. Nach mündlicher Ansage des Titels, die versampelt in den einsetzenden und ruhigen Dubstep-Rhythmus übergeht, der zunächst dezent von Synthie-Flächen begleitet wird, kommt Shadows Affinität zur 80er Plitsch-Plasch-Beat-Box zum tragen, die auch die ein oder andere Hommage an 808-Acid-Elementen enthält. Nach diesem dreiminütigen Intro setzt ein Drum‘n'Bass-Rhythmus ein, bei dem die Gradlinigkeit preußischen Marschmusik Pate gestanden hat. Die immer noch vorhandenen Stimmsamples werden mal sparsam, mal reichlich eingesetzt. Dann setzt ein klerikal klingenden Chor ein, der das Ende des gut siebeneinhalbminütigen Tracks ankündigt. In den verbleibenden zwei Minuten werden die Elemente des Beats immer weiter reduziert. Die Melodie wird längst von einem Klavier gespielt, das langsam ausklingt. Das Outro wird allerdings von einer Snarebeat dezent dominiert, der ebenfalls an militärische Musiktradition erinnert. Ein Schuss setzt den Schlusspunkt.
Stück Nummero Zwo (I‘ve Been Trying) hat vom anderen Stück nur noch die Militär-Snare. Ansonsten ist es ein ruhiges, von einer Akustikgitarre getragener Track, der die Lagerfeuer-Romantik im Schlepptau hat und der durch den Flötenanteil eine hippieeske Note bekommt.
Shadow spielt auf dieser Veröffentlichung also wieder mit den Gegensätzen und übergibt dem geneigten Hörer ein Shadoxymoron. Die Perle kommt also mit in die virtuelle Plattentasche für die nächste Sendung am 23.9.

Neues von Irie Révoltés

Als ich die Iries vor etwa 10 Jahren das erste Mal im Juz Mannheim sah, wunderte ich mich sehr um den Hype, der damals schon leicht im Anflug war. Da spielten sieben, acht, ich weiß nicht mehr wie viele Schüler auf recht amüsante Weise ihre Instrumente. Besonders der Schlagzeuger fiel auf, der das Tempo wie ein dynamisches Intervall interpretierte. Den übrigen Bandmitgliedern war diese Technik auch nicht unvertraut. Nur die Gesangsabteilung kaschierte diesen Mangel. Das Publikum bestand aus mitgebrachten Eltern, Verwandten und Freunden. Im Vordergrund standen offensichtlich die Partylaune und auch die Texte. Und heute? Nur an Letzteres hat sich nichts geändert: Die Iries spielen auf großen Bühnen vor riesigem Publikum. Benifizpartys, Kundgebungen und Demonstration sind nicht mehr die Bühne, um sich bekannter zu machen, sondern umgekehrt, die Iries funktionieren als Magnet für junge politisch interessierte Menschen.
Mittlerweile kommen die Iries auf über 400 Konzerte in 10 Jahren. Das dritte Album steht kurz vor der Veröffentlichung (27.8.). Auf „Mouvement Mondial“ versammeln sich 17 Stücke, die in gewohnter Manier in Deutsch und Französisch gesungen und gerappt werden. Sie fordern ihre Zuhörer auf solidarisch zu sein, aufzustehen gegen die misslichen kapitalistischen Zustände, outen sich als Antifaschisten von Geburt an und lassen wohl kein Thema der Linksbewegten aus. Musikalisch wird das ganze aus einer Melange von Reggae, Dancehall über Hip Hop bis Ska getragen. Die Kostprobe „Merci“ zeigt mit welcher Leichtigkeit die Iries verstehen, ihre Fans mit ins Boot zu holen und gemeinsam gegen den Strom zu schwimmen.

Über ihre Live-Qualitäten lässt sich nicht wirklich streiten. Die hauseigene Webseite revoltes.tv hat dazu einige Videobeweise (Mighty Sounds, Frauenfeld oder des St. Gallen Open Air). Und auch bei uns werden die Exil-Heidelberger einen, eigentlich zwei Abstecher machen: am 9. Oktober kommen sie in die Halle 02 (Heidelberg) und am 11. Dezember in die Alte Feuerwache (Mannheim), wo die Tour nicht wie 2009 startet, sondern ihr Finale hat. Beide Konzerte sind leider nicht gerade billig. Wenn man jedoch die in der letzten Zeit bekannt gewordenen Finanznöte der Alten Feuerwache berücksichtigt, kann man schon fast von einem Benefizkonzert sprechen. Aber dazu ein anderes Mal…

Caribou

Caribou war nicht immer. Bis 2004 firmierte der Kanadier Daniel Victor Snaith unter dem Namen Manitoba. In diesem Jahr nämlich klagte ausgerechnet der Sänger der New Yorker Punkband „Dictators“ Handsome Dick Manitoba gegen Snaith, der ohne viel Firlefanz zu veranstalten sich in Caribou umbenannte. Snaith hat unter beiden Namen zahlreiche Alben und E.P.s herausgebracht. Die wichtigsten Meilensteine davon sind das 2001 veröffentlichte „Start Breaking Ma Heart“, „Up in Flames“ 2003, dann schon unter dem Namen Caribou „The Milk of Human Kindness“ (2005) und 2007 folgte „Andorra“. Aber keines dieser Alben war so erfolgreich, wie das dieses Jahr im April veröffentlichte Album „Swim“. Das schaffte es in die US-Billboard-Charts. Wie „Andorra“ ist auch „Swim“ auf dem Berliner Label City Slang herausgekommen, dass sonst Bands wie Arcade Fire und The Notwist beherbergt (das nordamerikanische Schwesterlabel ist übrigens Merge) Bis 2005 war Caribou noch bei Domino-Records, dass auch eher zum elektronischen Sound von Caribou passt. Auf Dominio hat u.a. Four Tet released. Aber beide Labels stehen für das, was man heute gerne Indietronica nennt: Die Entwicklung hin zur Verschmelzung von Indierock bzw. Punk mit elektronischer Musik, wie sie als einzelnes Projekt vielleicht am besten James Murphy mit LCD Soundsystem verkörpert.
Doch wieder zurück zu Caribou. Dem wird gerne nachgesagt, das er ein Eigenbrödler ist und deshalb am liebsten alleine an seinem Sound schraubt. Dazu passt vielleicht auch sein akademisches Steckenpferd: die Mathematik. 2005 hat er darin seinen Doktor an einer englischen Uni gemacht. Das ist kein Zufall, denn Mutter und Vater sind beide Professoren für Mathematik.
Mit „Swim“ im Gepäck kommt Caribou jetzt auf Tour. Am 16. November gastiert Snaith im Rahmen von Enjoy Jazz im Karlstorbahnhof. Drei Wochen später, am 5. Dezember, kommt Caribou in den Mousonturm nach Frankfurt. Lohnen könnte sich auch der weitere Weg nach Straßbourg in die Laiterie, am 17. November. Hier spielt neben Caribou auch das französische Projekt Neonbirds. Snaith tut sich bei seinen Liveautritten oft als Perkussionist hervor und hat einen Faible für Visuals bzw. Video-Projektionen. Seine Band besteht aus ihm und drei weiteren Musikern.
Die Namensgebung gibt übrigens Rätsel auf: Neben einem Rentier bezeichnet Caribou in Kanada ein mit Rum bezuschussten Glühwein, ein Album von Elton John, ein Fährschiff für Passagiere, das ein deutsches U-Boot 1942 versenkte und diverse Ortschaften in den USA.
Caribou/Snaith

Trombone Shorty & Orleans Avenue

Er ist ein junger begnadeter Trompeter und Posaunist: Troy Andrews ist 24 Jahre jung und in New Orleans aufgewachsen. Dort scheint er den Brass mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Es gibt ein Bild (siehe unten), wo er mit 5 Jahren bei der Carlsberg Brass Band auf dem Jazz-&-Heritage-Festival in New Orleans mitmarschierte und eine Posaune spielt, die größer ist als er selbst.

Young Shorty

Er spielte schon mit Anfang Zwanzig bei Lenny Kravitz und Aerosmith in deren Live-Bläser-Sektionen. Er stand mit U2 Studio. So liest sich wohl eine Bilderbuch-Musikergeschichte. Zuletzt spielte er zusammen mit Lenny Kravitz, John Legend, der Jazz-Kultformation Preservation Hall Jazz Band, die mit Mos Def performte, und anderen auf einem Benefizkonzert, das die Fischer vom Golf von Mexiko unterstützt, die durch die von BP verursachte Katastrophe mit der Bohrinsel „Deepwater Horizone“ ihrer existenziellen Grundlage beraubt worden sind – zu mindestens vorläufig (hier geht es zu dem ganzen Artikel).
Trombone Shorty kommt mit seiner Band Orleans Avenue am 27. Oktober in den Karlstorbahnhof (Enjoy Jazz). Auf seinem neuen Album Backatown präsentiert Troy Andrews eine astreine Mischung aus Funk, Hip Hop, Balkan- und Latin-Folk, Soul, Rock und Jazz.

Shorty