Beiträge von nachtfunker

Pink Freud – zur Sendung vom 28.10.2010 mit dem Feature „polnischer Jazz“

„Monster of Jazz“ heißt das letzte Album (2010) der polnischen Jazzfreunde aus Danzig. Nimmt man diesen Titel als Beschreibung für die Musik von Pink Freud, ist dem fast nichts hinzuzufügen. Aber eben nur fast – zumal mir nur noch die LP „Sorry Music Polska“ bekannt ist. Aber es klingt als wenn Jagga Jazzist mit Nils Petter Molvær zusammentreffen würden minus überstrapazierten Ambientflächen, versteht sich. Denn was Pink Freud so anbieten, ist doch schon recht tanzbar und wenn nicht, taugt es allemal als prima Kopfkino. Die Eigenbezeichnung „Trance-Jazz-Dance-Band“ stimmt also – es ist sehr sympathisch, wenn Musiker ihre Musik richtig beschreiben können und nicht irgend etwas fasseln von „Musik, die in keine Schublade passen würde“ etc. pp. Deshalb lassen wir doch noch einmal Wojtek Mazolewski von Pink Freud zu Wort kommen:“Als ich jung war, habe ich viel mit Drogen experimentiert und nach einem Jahr des Experimentierens kam ich zu dem Schluss, dass mir die Musik keine Befriedigung mehr gab, dass ich mich nicht mehr weiterentwickelt habe, obwohl ich Stunden an den Instrumenten verbracht habe. Das hat mir nichts gegeben. Da hab ich beschlossen, die Drogen sein zu lassen. Heute kann man den Vergleich machen und sagen, dass die Musik eine Art Droge für mich ist. Das Wort Leidenschaft passt allerdings noch besser.“ (Quelle) Das ist doch ein schönes Motivationsschreiben, oder? Aber auch eine Ansage, wie man sie schon oft gehört hat. Nur hier: es stimmt. Denn Pink Freud strotzt vor Experimentierfreude bei zeitgleicher Produktion von eingängigen Sounds. Pink Freud haben also nicht nur einen verrückten Namen, sondern machen auch absonderlich schöne Musik. Besonders erfrischend ist auch, wenn sie „Come as you are“ von Nirvana covern. Deshalb sind beide mir bekannte Alben uneingeschränkt zu empfehlen.

mit Schlagzeug-Solo als Intro

Stress und Hektik pur

Discography
2001 Zawijasy
2002 Live in Jazzgot (Live Album)
2003 Sorry Music Polska
2005 Jazz Fajny Jest (Remix / Live Album)
2007 Punk Freud
2008 Alchemia (Live Album)
2010 Monster of Jazz

Band-Mitglieder: Wojtel Mazelewski (Bass, Elektronik), Tomek Zietek und Adam Milwiw Baron (Trompete), Kuba Staruszkiewicz (Schlagzeug)

Skalpel – zur Sendung vom 28.10.2010 mit dem Feature „polnischer Jazz“

Von Skalpel wurde schon oft Musik im Nachttanzfunk gespielt. Deshalb wird es auch höchste Zeit mal ein paar Worte über das Breslauer Duo zu verlieren.
Skalpel rechnen sich selbst dem Hip Hop zu. Im Jahr 2000 begleiteten sie DJ Vadim auf seiner Osteuropa-Tour. Das brachte die nötigen Kontakte. Nachdem sie bereits von 1999 bis 2001 ein Album (Virtual Cuts) und eine EP (Polish Jazz) in Eigenregie veröffentlicht hatten, wurden sie 2003 mit der EP „Sculpture“ vom Londoner Label Ninja Tune gesignt. Zu den Label-Kollegen gehörten nun Nu-Jazzer wie The Cinematic Orchestra und Jagga Jazzist sowie Hip-Hop-Minimalist Vadim. 2004 kam die Debüt-LP auf Ninja Tune heraus, die man ganz originell nach sich selbst benannte. Nach drei Singles erschien 2005 der zweite Longplayer „Konfusion“.
Beide auf Ninja Tune veröffentlichen Alben verfolgen eben die Idee Hip-Hop-Rhythmen mit Jazz-Samples in Symbiose zu bringen. Viele der Stücke stehen den Produktionen vom Cinematic-Orchestra-Kopf John Swinscoe in Nichts nach: Vielleicht sind die Tracks etwas verkopfter, aber niemals verhuddelt sich Skalpel im Jazz; vielmehr bestätigt sich auf hohem Niveau wie viel Hip Hop vom Jazz und Jazz von Hip Hop lernen kann.

Hier mal ein Stück von der EP „Polish Jazz“

…und hier ein hübscher Klassiker von dem Ninja-Tune-LP-Debüt.

Discography
1999 Virtual Cuts
2001 Polish Jazz
2003 Sculpture
2004 Skalpel
2004 1958
2005 Break Out
2005 1958 Breaks
2005 Konfusion

Band-Mitglieder: Igor Pudlo und Marcin Cichy

Contemporary Noise Sextet, Quintet, Quartet – zur Sendung vom 28.10.2010 mit dem Feature „polnischer Jazz“

Contemporay Quintet ist eine Band aus Polen, die zwischen Jazz und Rock pendelt. Sie selbst beschreiben ihre Musik als „Jazz-Musik ohne Jazz“ und „Film-Musik ohne Film“. Das Contemporary Noise Quintet möchte sich also nicht festlegen mit welchem Genre es gerne kuschelt. Rock mögen sie aber auf jeden Fall: Denn die Vorgänger-Band (Something Like Elvis the legendary ???) soll ein Emo-Hardcore-Projekt gewesen sein und die meisten der Band-Mitglieder bezeichnen die Rock- und Punk-Musik als einen maßgeblichen musikalischen Einfluss.
Mit dem Debüt-Album „The Pig Inside the Gentleman“ aus dem Jahre 2006 trafen die Musiker dann den Nerv der Zeit: Die Platte bekam ausgezeichnete Kritiken und gewann einen Radio-Publikums-Preis – alles in Polen, versteht sich. Neben Klavier, Bass, Gitarre, Schlagzeug fällt die Blässer-Sektion der Band auf, die aus Saxophon und Trompete besteht. Während auf dem Debüt-Album das Klavier zusammen mit der Rhythmusgruppe die eingängigen Themen vorgibt, wird mit dem Gebläse experimentiert und gefreejazzt. Die Drums werden oft hart gespielt; können sich aber auch dezent zurückhalten.
Im Anschluss – 2008 – hat die polnische Combo noch zwei Platten herausgebracht. Das als Quartet eingespielte Album „Theatre Play Music“ hat Walzer, Polka und Tango als Thema und fährt eher im ruhigen Gewässer (bis vielleicht auf die Ausnahme von dem Stück „Gramophon“). Das im gleichen Jahr veröffentlichte Album „Uneffected Thought Flow“ ist musikalisch eher als eine Erweiterung zum Quartet-Album zu bezeichnen und das nicht nur weil es zwei Musiker mehr sind: Das Intro, das auf den gleichen Namen wie das Album hört, fängt gleich ganz heftig im Free Style an, bevor es etwas Luft holt und aufhört wie es anfängt. Teil Nummer zwei dieses Stückes befindet sich am Ende des Albums und funktioniert wie die Schwester. Ansonsten befindet sich leichte Kost neben schwer verdaulichen Stücken. Wer es also schräg und ruhig in Scheibchen mag, ist hier bestens bedient.
Erst kürzlich (9.10.) hat die Band in Essen auf dem Swingfestival von dem Label Denovali gespielt. Bei dem Bochumer Labels ist das Projekt jetzt unter Vertrag. In einer streng limitierten Auflage kam jetzt eine Reissue-Box mit den drei veröffentlichten Alben heraus. Die Box enthält vier Einschub-Möglichkeiten – will heißen: Es kommt demnächst noch ein viertes Album heraus.

Discography:
2006 The Pig Inside the Gentleman (Quintet)
2008 Theatre Play Music (Quaret)
2008 Uneffected Thought Flow (Sextet)

Band-Mitglieder (je nachdem ob Contemporary Noise Quartet, Quintet oder Sextet): Kuba Kapsa (Klavier), Kamil Pater (Gitarre), Patryk Weclawek (Bass), Bartek Kapsa (Schlagzeug), Tomek Glazik (Saxophon, Keyboard), Wojtek Jahna (Trompete)

Glazik, Jahna und Weclawek haben übrigens noch ein anderes interessantes Projekt: Sing Sing Penelope. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal…

Gonjasufi-Album in da mix – The Caliph’s Tea Party

Zum Mix für die Originale von dem Album „A Sufi and a Killer“ hat Gonjasufi sehr verschiedene Musiker rangelassen. Verschiedene Sücke von „The Caliph’s Tea Party“ kann man sich bequem im Netz anhören. Selbstverständlich kamen Warp-Artists zum Zuge. So hat sich der dem experimentellen elektronischen Genre anhängenden Bibio dem Stück „Candylane“ angenommen – sehr nett. Das Intro kommt vom Australier Mark Pritchard. Er hat den Track „Ancestors“ in seiner Musikwerkstatt bearbeitet und herausgekommen ist ein ganz feine Nummer, die dem Original richtig Konkurenz macht. Die aus Brooklyn stammenden Indietronicer von Bear in Heaven widmen sich dem im Original zaghaft rockenden Stück Love of Reign und zaubern eine richtige Elektrorocknummer drauß. Die anderen, nicht im Netz auffindbaren Stücke auf der LP sind mitunter viel experimenteller. Tendenz: Wer das Originalalbum mag, findet die Remixe klasse!

Eine Hörpröbe geht noch. Orientalisch beginnt der gleichnamige Titel des Album – im Remix versteht sich. Ein lachender Sample, begleitet vom Alt-Saxophon, leitet in einen Part über, der vom Cembalo an die Leine genommen wird. Aber der Hund entreißt und fliegt davon – als Vogel. Zugegeben jetzt wird es kompliziert: Weder Hund noch Vogel, sondern Gonjasufi, mit zwischerndem Abgang. Zum Wahnsinn geht es hier.

radio spielplan, 30.9. 2010, 22:00-0:00

01. gonzales – smothered mate
02. dj shadow – def sorround us
03. dj shadow – i‘ve been trying
04. kummerbuben – tubehuus
05. kummerbuben – handschelied
06. kummerbuben – dr. tubakler
07. skream – 8 bit baby fet. murs
08. the herbalizer – something wicked (roots manuva’s haunted house mix)
09. krak in dub – me gusta boogaloo
10. selector matanzas – arroz con coco
11. makala feat. victoria – ska con boogaloo
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12. flying lotus – tea leaf dancers feat. andreya triana
13. andreya triana – darker than blue
14. andreya triana – lost where i belong (flying lotus rmx)
15. rob smith – question
16. euskal tropela feat. afro – gauzak aldatuko dira
17. sorkun – spoonful
18. etienne larsen – don‘t worry, be happy
19. flying lotus – camel (nosaj thing rmx)
20. nosaj thing – coat of arms
21. flying lotus – testament (feat. gonjasufi)
22. gonjasufi – kowboyz and indian
23. kummerbuben – andermatt

DJ Shadow muss nicht…

vorgestellt werden – zumindestens nicht an dieser Stelle (ansonsten hilft Wiki). Wie viele andere Musiker nutzt auch Shadow die Marketingstategie, Teile seines neuen Albums Scheibchenweise für einen begrenzten Zeitraum kostenlos zum Download anzubieten. Mitte September waren die ersten beiden Tracks (Def Surrounds Us und I‘ve Been Trying) dran. Das klingt hörerfreundlich. Hat aber viel mit Zufall zu tun, genau in den zwei Tagen, in denen der Download angeboten wird, im Internet darauf zu stoßen. Shadow weiß das und setzt scheinbar ganz bewußt auf eine materielle Allegorie: Denn in den Städten, wo er zum Tanz bittet, versteckt er angeblich in den örtlichen Plattenläden limitierte Vinyls (wird hier behauptet) und nennt das ganze „Shop-placing“. Nicht ganz klar ist, ob die Ladenbesitzer eingeweiht sind oder nicht, wenn Shadow seine Gaben verteilt. Ist auch egal, weil hier her in die Provinz kommt Shadow so gut wie nie und insofern braucht mal sich auch nicht zu ärgern (So ein Elfenbeinturm-Marketing!).

Ich hatte zu mindestens das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort im Netz zu sein, als die beiden oben erwähnten Tracks zu haben waren. Def Surrounds Us klingt nach dem alten und mir in besserer Erinnerung gebliebenen Shadow – also lange vor dem recht farblosen Outsider-Album. Nach mündlicher Ansage des Titels, die versampelt in den einsetzenden und ruhigen Dubstep-Rhythmus übergeht, der zunächst dezent von Synthie-Flächen begleitet wird, kommt Shadows Affinität zur 80er Plitsch-Plasch-Beat-Box zum tragen, die auch die ein oder andere Hommage an 808-Acid-Elementen enthält. Nach diesem dreiminütigen Intro setzt ein Drum‘n'Bass-Rhythmus ein, bei dem die Gradlinigkeit preußischen Marschmusik Pate gestanden hat. Die immer noch vorhandenen Stimmsamples werden mal sparsam, mal reichlich eingesetzt. Dann setzt ein klerikal klingenden Chor ein, der das Ende des gut siebeneinhalbminütigen Tracks ankündigt. In den verbleibenden zwei Minuten werden die Elemente des Beats immer weiter reduziert. Die Melodie wird längst von einem Klavier gespielt, das langsam ausklingt. Das Outro wird allerdings von einer Snarebeat dezent dominiert, der ebenfalls an militärische Musiktradition erinnert. Ein Schuss setzt den Schlusspunkt.
Stück Nummero Zwo (I‘ve Been Trying) hat vom anderen Stück nur noch die Militär-Snare. Ansonsten ist es ein ruhiges, von einer Akustikgitarre getragener Track, der die Lagerfeuer-Romantik im Schlepptau hat und der durch den Flötenanteil eine hippieeske Note bekommt.
Shadow spielt auf dieser Veröffentlichung also wieder mit den Gegensätzen und übergibt dem geneigten Hörer ein Shadoxymoron. Die Perle kommt also mit in die virtuelle Plattentasche für die nächste Sendung am 23.9.

Neues von Irie Révoltés

Als ich die Iries vor etwa 10 Jahren das erste Mal im Juz Mannheim sah, wunderte ich mich sehr um den Hype, der damals schon leicht im Anflug war. Da spielten sieben, acht, ich weiß nicht mehr wie viele Schüler auf recht amüsante Weise ihre Instrumente. Besonders der Schlagzeuger fiel auf, der das Tempo wie ein dynamisches Intervall interpretierte. Den übrigen Bandmitgliedern war diese Technik auch nicht unvertraut. Nur die Gesangsabteilung kaschierte diesen Mangel. Das Publikum bestand aus mitgebrachten Eltern, Verwandten und Freunden. Im Vordergrund standen offensichtlich die Partylaune und auch die Texte. Und heute? Nur an Letzteres hat sich nichts geändert: Die Iries spielen auf großen Bühnen vor riesigem Publikum. Benifizpartys, Kundgebungen und Demonstration sind nicht mehr die Bühne, um sich bekannter zu machen, sondern umgekehrt, die Iries funktionieren als Magnet für junge politisch interessierte Menschen.
Mittlerweile kommen die Iries auf über 400 Konzerte in 10 Jahren. Das dritte Album steht kurz vor der Veröffentlichung (27.8.). Auf „Mouvement Mondial“ versammeln sich 17 Stücke, die in gewohnter Manier in Deutsch und Französisch gesungen und gerappt werden. Sie fordern ihre Zuhörer auf solidarisch zu sein, aufzustehen gegen die misslichen kapitalistischen Zustände, outen sich als Antifaschisten von Geburt an und lassen wohl kein Thema der Linksbewegten aus. Musikalisch wird das ganze aus einer Melange von Reggae, Dancehall über Hip Hop bis Ska getragen. Die Kostprobe „Merci“ zeigt mit welcher Leichtigkeit die Iries verstehen, ihre Fans mit ins Boot zu holen und gemeinsam gegen den Strom zu schwimmen.

Über ihre Live-Qualitäten lässt sich nicht wirklich streiten. Die hauseigene Webseite revoltes.tv hat dazu einige Videobeweise (Mighty Sounds, Frauenfeld oder des St. Gallen Open Air). Und auch bei uns werden die Exil-Heidelberger einen, eigentlich zwei Abstecher machen: am 9. Oktober kommen sie in die Halle 02 (Heidelberg) und am 11. Dezember in die Alte Feuerwache (Mannheim), wo die Tour nicht wie 2009 startet, sondern ihr Finale hat. Beide Konzerte sind leider nicht gerade billig. Wenn man jedoch die in der letzten Zeit bekannt gewordenen Finanznöte der Alten Feuerwache berücksichtigt, kann man schon fast von einem Benefizkonzert sprechen. Aber dazu ein anderes Mal…

radio spielplan, 29.7. 2010, 22:00-0:00

01. trombone shorty – neph
02. trombone shorty – something beautiful
03. trombone shorty – backatown
04. trombone shorty – suburbia
05. movits! – ta pä dig dansskkorna
06. kummerbuben – tubehuus
07. paut – sepp hat gesagt, wir müssen alles anzünden
08. figli di madre ignota – combat disco casbah
09. gogol bordello – rebellious love
10. caribou – sun
11. caribou – kaili
12. caribou – hannibal
- – – – 23:00
13. parov stelar – let’s roll
14. parov stelar – monster
15. jaga jazzist – one-armed bandit (sprutbass rmx)
16. jaga jazzist – 200V/spectral (final rmx)
17. the what cheer? brigade – malaguena
18. pannonia allstars ska orchestra – hello gagarin!
19. binder & krieglstein – kummst du ma blöd
20. grasscut – old machines
21. grasscut – muppet
22. young marble giants – n.i.t.a.
23. kummerbuben – ’s het deheim e vogel gsunge
24. flying lotus – secrets (soundmurderer refix)

Jaga Jazzist…

… ist eine norwegische Band, die seit 1994 existiert und deren Mitgliederzahl jahrelang um zehn herum oszillierte; zurzeit sind es neun. Insgesamt sind Jagga Jazzist ein sehr experimentierfreudiges Projekt, weshalb oft Vergleiche mit Aphex Twin, Squarepusher, Stereolab angestellt, aber auch Einflüsse des Jazzers John Coltrane genannt werden. Seit 2001 veröffentlichen Jagga Jazzist auf dem Osloer Label Smalltown Supersound. Den meisten ist Jaga Jazzist allerdings vom Londoner Label Ninja Tune bekannt, welches eine Lizenz von Smalltown Supersound erhalten hat. Das tut Jaga Jazzist sicherlich sehr gut, denn es erhöht deren Bekanntheitsgrad wesentlich (Ich kenne JJ auch daher). Auf Smalltown Supersound veröffentlichen so illustre Musiker, wie der deutsche Free Jazzer und Saxophonist Peter Brötzmann, dessen herausragendes Album Machine Gun ist.
Auf dem Julispielplan stehen zwei Stücke von Jagga Jazzist, die beide von der E.P.-Auskopplung Bananfleur Overalt des Albums One-Armed-Bandit stammen. Der erste Track One-Armed Bandit hat Sprutbass aus Oslo gemixt. Sprutbass bezeichnet seinen Stil selbst als Synthetic Funk und nennt auf myspace den amerikanischen Jazztrompeter und Third-Stream-Vertreter Don Ellis (1934-1978) als einzigen Einfluss. Sprutbass ist beim interessanten, norwegischen Elektronika-Label Dødpød zu Hause.
Track zwei – 200V/Spectral – hat sich Final vorgenommen. Der Norweger Final macht aus dem hektischen Original eine eingängige House-Nummer. Final gehört scheinbar der Generation an, die Techno gerne mit Rock mischt. Das zeigt ein Video auf myspace. Das andere Video (siehe unten) zeigt Final bei der Zusammenarbeit mit einen Orchester auf dem Kammermusikfestival Trondheim.

Caribou

Caribou war nicht immer. Bis 2004 firmierte der Kanadier Daniel Victor Snaith unter dem Namen Manitoba. In diesem Jahr nämlich klagte ausgerechnet der Sänger der New Yorker Punkband „Dictators“ Handsome Dick Manitoba gegen Snaith, der ohne viel Firlefanz zu veranstalten sich in Caribou umbenannte. Snaith hat unter beiden Namen zahlreiche Alben und E.P.s herausgebracht. Die wichtigsten Meilensteine davon sind das 2001 veröffentlichte „Start Breaking Ma Heart“, „Up in Flames“ 2003, dann schon unter dem Namen Caribou „The Milk of Human Kindness“ (2005) und 2007 folgte „Andorra“. Aber keines dieser Alben war so erfolgreich, wie das dieses Jahr im April veröffentlichte Album „Swim“. Das schaffte es in die US-Billboard-Charts. Wie „Andorra“ ist auch „Swim“ auf dem Berliner Label City Slang herausgekommen, dass sonst Bands wie Arcade Fire und The Notwist beherbergt (das nordamerikanische Schwesterlabel ist übrigens Merge) Bis 2005 war Caribou noch bei Domino-Records, dass auch eher zum elektronischen Sound von Caribou passt. Auf Dominio hat u.a. Four Tet released. Aber beide Labels stehen für das, was man heute gerne Indietronica nennt: Die Entwicklung hin zur Verschmelzung von Indierock bzw. Punk mit elektronischer Musik, wie sie als einzelnes Projekt vielleicht am besten James Murphy mit LCD Soundsystem verkörpert.
Doch wieder zurück zu Caribou. Dem wird gerne nachgesagt, das er ein Eigenbrödler ist und deshalb am liebsten alleine an seinem Sound schraubt. Dazu passt vielleicht auch sein akademisches Steckenpferd: die Mathematik. 2005 hat er darin seinen Doktor an einer englischen Uni gemacht. Das ist kein Zufall, denn Mutter und Vater sind beide Professoren für Mathematik.
Mit „Swim“ im Gepäck kommt Caribou jetzt auf Tour. Am 16. November gastiert Snaith im Rahmen von Enjoy Jazz im Karlstorbahnhof. Drei Wochen später, am 5. Dezember, kommt Caribou in den Mousonturm nach Frankfurt. Lohnen könnte sich auch der weitere Weg nach Straßbourg in die Laiterie, am 17. November. Hier spielt neben Caribou auch das französische Projekt Neonbirds. Snaith tut sich bei seinen Liveautritten oft als Perkussionist hervor und hat einen Faible für Visuals bzw. Video-Projektionen. Seine Band besteht aus ihm und drei weiteren Musikern.
Die Namensgebung gibt übrigens Rätsel auf: Neben einem Rentier bezeichnet Caribou in Kanada ein mit Rum bezuschussten Glühwein, ein Album von Elton John, ein Fährschiff für Passagiere, das ein deutsches U-Boot 1942 versenkte und diverse Ortschaften in den USA.
Caribou/Snaith

Trombone Shorty & Orleans Avenue

Er ist ein junger begnadeter Trompeter und Posaunist: Troy Andrews ist 24 Jahre jung und in New Orleans aufgewachsen. Dort scheint er den Brass mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Es gibt ein Bild (siehe unten), wo er mit 5 Jahren bei der Carlsberg Brass Band auf dem Jazz-&-Heritage-Festival in New Orleans mitmarschierte und eine Posaune spielt, die größer ist als er selbst.

Young Shorty

Er spielte schon mit Anfang Zwanzig bei Lenny Kravitz und Aerosmith in deren Live-Bläser-Sektionen. Er stand mit U2 Studio. So liest sich wohl eine Bilderbuch-Musikergeschichte. Zuletzt spielte er zusammen mit Lenny Kravitz, John Legend, der Jazz-Kultformation Preservation Hall Jazz Band, die mit Mos Def performte, und anderen auf einem Benefizkonzert, das die Fischer vom Golf von Mexiko unterstützt, die durch die von BP verursachte Katastrophe mit der Bohrinsel „Deepwater Horizone“ ihrer existenziellen Grundlage beraubt worden sind – zu mindestens vorläufig (hier geht es zu dem ganzen Artikel).
Trombone Shorty kommt mit seiner Band Orleans Avenue am 27. Oktober in den Karlstorbahnhof (Enjoy Jazz). Auf seinem neuen Album Backatown präsentiert Troy Andrews eine astreine Mischung aus Funk, Hip Hop, Balkan- und Latin-Folk, Soul, Rock und Jazz.

Shorty

Preisverleihung skurril

Die Popakademie verleiht neben akademischen Titeln auch Preise. Einer davon nennt sich „Club Award“. Clubs können sich darum bewerben. Das Auswahlverfahren ist sehr nebulös (eine Jury entscheidet). Das erklärt vielleicht, weshalb ausgerechnet der Heidelberger Karlstorbahnhof den diesjährigen „Publikumspreis“ erhalten hat. Denn statt eines Preises sollte der Kaba eine Abmahnung für seine überfüllten Konzerte erhalten. Das ist nicht nur unangenehm, eng und stinkig, sondern bei Panik auch saugefährlich. Aber vielleicht liegt in der Überfüllung auch der Grund für den Publikumspreis: Der Kaba hat bei Konzerten die höchste Besucherdichte pro Quadratmeter. Nur gut, dass es dort jetzt eine Lüftungsanlage gibt.